Bericht des Sportfreundes L. Onken von der Gründung des Vereins bis zum Jahre 1945

Im Weltkrieg 1914 – 1918 wurden die Soldaten in den Ruhetagen zu Turn- u. Sportübungen herangezogen, um das, was in den Tagen des Bunker- u. Stollenlebens an der Körperpflege nachgeblieben war, wieder wettzumachen. So wurde in der Hauptsache Fußballsport betrieben. Dieses war der Anlass, welche die unverletzt heimgekehrten jungen Leute bewegte, diese Sportart weiter zu pflegen. So wurde zunächst eine Fußballmannschaft gegründet. Von diesen Gründern sind mir noch die Herren Hugo Dresen, Jup Korioth, Detlef Nöhren, Artur Vogt und Heinrich Trede bekannt. Die Sportbegeisterung wuchs derartig an, daß beschlossen wurde, nunmehr zur Gründung eines freien Turn- u. Sportvereins zu schreiten. Dieser Verein sollte dem Arbeiter-, Turn- u. Sportbund welcher seinen Sitz in Leipzig hatte, angeschlossen werden. Durch den Mannschaftsleiter Adolf Gladow wurde zur Gründung aufgerufen und in der Gründungsversammlung der Sportgenosse ( wie die Mitglieder damals benannt wurden ) Adolf Gladow als 1. Vorsitzender gewählt. Er betreute auch gleichzeitig die Fußballer. Ferner wurden gewählt ein Schriftführer und ein Kassierer und Gustav Gladow als Turnwart, welcher zugleich die technische Seite zu betreuen hatte.

Nun sollte der Verein doch auch einen Namen haben und auf Vorschlag des Sportgenossen Artur Vogt, den Verein „Vineta“ zu nennen, wurde einstimmig beschlossen: Der Verein führt den Namen „Freier Turn- u. Sportverein Vineta, Schacht-Audorf“, gegründet im September 1920.

Jetzt kam für uns die schwierige Angelegenheit: Turnen – und keine Geräte! Der Sportgenosse Gustav Gladow verstand es aber, mit Gymnastik, Stab- u. Freiübungen den Turnbetrieb aufzubauen. Unsere Fußballmannschaft war eine erstklassige geworden und so bekamen wir eine schöne Verbindung mit „Der Freien Turnerschaft an der Eider“, „Der Freien Turnerschaft an der Kieler Förde“ mit Nortorf und Neumünster usw. Unsere Fußballer waren die Träger des Vereins, aber wir Turner hatten doch Ehrgefühl und wollten wie die Fußballer bekannt werden. Dazu gehörten vor allen Dingen Geräte, - also mehr als ein Stab. Die Deutsche Turnerschaft unter dem Namen Turn u. Spielverein Schacht-Audorf war uns nicht ganz hold gesonnen, aber im Interesse der Sportförderung wurde uns gestattet, an unseren Turntagen ( Dienstag u. Freitag ) die Geräte der Deutschen Turnerschaft zu benutzen. Somit war uns zunächst geholfen. Aber dieser Notbehelf genügte uns nicht, und wir bemühten uns durch Aufbringung eigener Mittel, die Geräte durch den Bund zu beziehen. Der Bund versprach uns, wenn wir aus eigenen Mitteln eine gewisse Summe garantierten, die gewünschten Geräte – Turnreck, Barren und Pferd – zu liefern. Vineta hatte Glück! Unser Sportfreund Hans Krüger aus Amerika war während dieser kritischen Zeit ( Inflation ) hier anwesend und verfügte über Dollar ( Devisen ). Als guter deutscher Sportfreund spendete er mehrere Dollar, und so war es uns möglich, mit den von uns gesparten Mitteln zusammen, die Geräte zu bezahlen.

Unsere Fußballer, welch den Ruf als eine der besten Mannschaften hatten, waren verpflichtet, ihre Spiele auch außerhalb des Ortes auszutragen; denn sie wollten ja auch Kämpfe gegen spielstarke Gegner auf unserem Platz austragen. Zumal der Verein daran auch sehr interessiert war. So kamen wir in Geldschwierigkeiten, die uns den Turnbetrieb zum Erliegen zu bringen drohten. Der 1. Vorsitzende Adolf Gladow machte den Vorschlag, die Geräte zu verkaufen. Damit hätte sich der Verein vorerst über Wasser halten können. Der Sportgenosse Onken war damit jedoch nicht einverstanden und richtete eine Anfrage an den Bund, ob es dem Vereinsvorsitzenden erlaubt sei über die Geräte des Vereins in dieser Weise zu verfügen. Der Bund antwortete Onken persönlich, daß unter allen Umständen die Geräte erhalten bleiben müßten; denn sie gehörten in erster Linie dem Bund, durch den wir ja erst die Möglichkeit hatten, die Geräte zu Vorzugspreisen zu erwerben. Es gab im Verein eine kolossale Auseinandersetzung, wobei der Sportgenosse A. Gladow seinen Posten als 1.Vorsitzender niederlegte.

So wie es mit den Geräten für die Turnern aussah, so ungünstig war es auch bei den Fußballern; denn es stand ihnen kein Sportplatz zur Verfügung. Es wurde ein Antrag an die Gemeindeverwaltung auf Überlassung eines geeigneten Sportplatzes gestellt. Die Gemeindevertretung bestand aus einer sozialdemokratischen Mehrheit, und diese überließ uns den Platz zwischen Schulhaus II und dem Konsumgebäude, welches Schulland war. Der Platz war sehr abschüssig, zum Spielen fast ungeeignet, aber unsere Sportgenossen waren mutig. Es wurde beschlossen, den Platz mit freiwilligen Kräften zu dem kleinst zulässigen Spielfeld auszubauen. Dies war ein gewagtes Unternehmen, aber trotzdem gingen unsere genossen mit Todesverachtung an die Arbeit. Gleise und Kipploren wurden von Herrn Thomsen ( Steinfabrik Rader Insel ) geliehen, und die Arbeit ging zunächst flott von statten. Es war aber zu viel zugemutet, den Platz an der Straße ca. einen halben Meter abzutragen und nach hinten einen halben Meter aufzufüllen. Hierbei haben sich einige Genossen besonders hervor getan: Heinrich Sennhauser sen., Detlef Nöhren, Adolf u. Gustav Gladow, Ernst Liebmann, Heinrich Pulow, Hugo Dresen u.a.

Auch diese verloren zuletzt den Mut, so daß die Gemeinde eingreifen mußte, um die Restarbeit zu erledigen.

Wir hatten jetzt einen kleinen Sportplatz und konnten auch die Leichtathletik mit einführen. Unannehmlichkeiten blieben auf diesem kleinen Platz natürlich nicht aus. Des öfteren mußte der Glaser geholt werden, um in der Gastwirtschaft Lüthje eine oder gar zwei Scheiben einzusetzen, weil die fußballer statt ins Tor ins Fenster geschossen hatten. Lüthje war jedes mal sehr verärgert und schimpfte, aber wenn es dann hieß:“Kröger, nächsten Sündag geiht et no Nortdörp oder Niemünster, denn wör de Kröger wedder de ole sportvergnögte Seel, un dat let he de Fotballer dann so recht to god kamen“.

Nachdem A.Gladow den Vorsitz niedergelegt hatte, wurde L.Onken im Herbst 1923 mit diesem Amt betraut. Er hat sich alle Mühe gegeben, und es ist geglückt, Vineta über den Berg hinüber zu retten. Die Inflation war überstanden, die Festmark setzte sich durch, und bald hatten unsere Sportler die schwere Zeit vergessen; denn sie standen in Arbeit und hatten auf der Eisenhütte Holstein guten Verdienst. Die Fußballmannschaften blühten wieder auf und der Turnbetrieb wurde von dem Sportgenossen G.Gladow auch wieder aktiv durchgeführt, wobei Onken mit eingeschaltet wurde. Es bestanden Männer-, Jugend-, Frauen- u. Schülerriegen. Vineta wurde unterstützt von der FT „Eintracht“ Rendsburg, Christian Göttsche und Albert Siebmann. Ersterer war der Kreisturnwart, letzterer der Frauenturnwar. Ferner haben noch die Gebrüder Hübner von der F.T. an der Eider, Büdelsdorf, an mehreren Turnabenden bei uns als Turnleiter mitgewirkt. Dadurch kamen wir in die Lage, daß mehrere unserer Sportler an den Vorturnerprüfungen in Rendsburg oder Kiel teilnehmen konnten. Wenn auch nicht alle bestanden, so war es uns mit den guten Kräften wie Paul Mansfeld, Richard Seidler, Paul Bresk, Ludwig Onken und später mit den von uns erzogenen SportlernHeirich Nöhren, Heinrich und Walter Kruse und Bernhard Baumann möglich, den Sport in jeder Weise zu fördern. Dann kam wieder ein kleiner Rückschlag. Wir mußten das Lokal von E.Ohrt, das Hotel Glückauf, räumen und in den niedrigen alten Saal von Lüthje unterkriechen. Für uns als Sportler war das recht unangenehm, aber für Gastwirt Lüthje war es ein geschäftlicher Vorteil. Eben war dieser Schmerz überwunden, schon stand der neue große Schlag vor der Tür: Stillegung der Eisenhütte Holstein! Im September 1926 kam der schwarze Tag für Audorf. Alles wurde arbeitslos, darunter auch unsere Sportler. Nun galt es zusammenzuhalten. Die Fußballer waren wieder übel dran; denn es fehlte größtenteils an Fahrgeld, aber es wurde geschafft. Als gute Idealisten wurde das Geld aufgebracht und schon konnte unsere Mannschaft mit dem Lkw aus Büdelsdorf losfahren und die „Packung“ oder den Sieg mit nach Audorf bringen.

1924 wurden unsere beiden Sportgenossen Robert Wolter und Ludwig Onken in den Gemeinderat gewählt. Das hatte den Großen Vorteil, daß bei dem Schulneubau, der 1928 ausgeführt werden mußte, nun darauf gedrängt wurde, eine Turnhalle mit anzubauen. Die Gemeindevertretung hatte große Bedenken. Dieses war bei der unsicheren Finanzlage der Gemeinde verständlich, aber der Sportgenosse Onken hatte Gelegenheit mit dem Oberpräsidenten Kürbis und der Landtagsabgeordneten Lehrerin Toni Jensen zu sprechen. Daraufhin wurde der Gemeinde die Auflage gemacht, bei einem derartigen Schulneubau eine Turnhalle nach vorgeschriebenen Maßen zu bauen. Die Gemeinde bekam einen ansehnlichen Zuschuß zum Schulneubau, und damit wurde unsere schöne große Turnhalle auch fertig, worum uns manch anderer Verein beneidete. Die Einweihung der Turnhalle war ein großes Ereignis für Schacht-Audorf. Die behördliche Einweihung wurde Unterstützt von Vineta Audor, Eintracht Rendsburg und der F.T. an der Eider Büdelsdorf, mit ihrem berühmten Spielkorpsunter Leitung des Sportgenossen Möller.

Jetzt konnten wir den Turnbetrieb voll aufnehmen, hatten wir doch die dazu notwendigen Geräte (Schwedische Sprossenwand, Klettertaue, Trapez, Ringe und einen Bock mit den dazugehörigen Matten). Es war ein Turnbetrieb, so daß die Turnhalle an unseren Übungstagen von nachmittags 5.oo bis abends 10.00 Uhr belegt war.

Die behördlichen Stellen hatten in ihren Haushaltsplänen Mittel für Jugendpflege eingesetzt, und hier bemühte sich der Vorsitzende ganz besonders, um diese Mittel für Vineta hereinzubekommen, was zum großen Teil auch glückte. Damit konnten wir als Verein unseren Verpflichtungen nachkommen, und was vor allen Dingen erforderlich war, es konnten Sportgenossen an verschiedenen Kursen teilnehmen, welches dem Verein als ganzes gesehen wieder zugute kam. Vineta nahm jedes Jahr an den Kreisturnfesten teil, sei es in Rendsburg oder in Büdelsdorf. Unter anderem nahmen unsere Mädels an dem Fahnenschwingen in Büdelsdorf teil, wobei 200 Turnerinnen mitwirkten. Vineta beteiligte sich bei verschiedenen Veranstaltungen der umliegenden Ortschaften, und immer haben wir einen guten Eindruck hinterlassen. Das Stiftungsfest wurde alljährlich im September veranstaltet und größtenteils mit einem Laternenumzug eingeleitet. Hierbei hatten wir verschiedentlich Gelegenheit, Herren von der Provinzialverwaltung als Gäste bei uns zu haben. Diese Herren wurden dann unter Vorantritt des Reichsbanner-Spielkorps mit anschließendem Laternenumzug bei der Fähre oder an der Kieler Straße empfangen und zum Sportplatz geführt, wo sich dann der Umzug auflöste. Das 10. Stiftungsfest hatte unter aufopferungsvollen Anstrengungen des Leiters Paul Mansfeld wohl seinen tiefhaltigsten Eindruck hinterlassen. Jedenfalls hatten kreis und Bezirk für diese Veranstaltung ihre lobende Anerkennung ausgesprochen.

Bis zum Jahre 1933 (Machtübernahme durch den Nationalsozialismus) konnte Vineta Audorf auf ein Blühen und Gedeihen zurückblicken. Dann wurde die Freie Turnerschaft verboten, und wir durften unsere selbst bezahlten Geräte nicht mitnehmen. Wir mußten dieselben in der Turnhalle lassen und durften an unseren, unter so schwierigen Verhältnissen erworbenen Geräten nicht mehr üben. Das war ein moralischer Schmerz, aber wir waren machtlos und mußten der unsäglichen Gewalt weichen. Der Sportgenosse Ludwig Onken war von 1923 bis 1933 ( Machtübernahme durch Hitler ) nicht nur der Vorsitzende, sondern auch ein aktiver Sportler, der keinen Abend unentschuldigt in seiner Turnstunde fehlte. Wenn es notwendig war, hatte er für Ablösung oder Vertretung gesorgt. Onken wurde aufgrund der Verordnung des Herrn Reichspräsidenten zum Schutz für Volk und Staat in Schutzhaft genommen und dem Konzentrationslager Esterwegen 11 zugeführt. Somit war keine Rechtsvertretung für Vineta vorhanden und alles war verloren.

Im Jahre 1932 hatte Herr Schmoll einen freiwilligen Arbeitsdienst für den Ausbau des Sportplatzes vom Landesarbeitsamt Hamburg genehmigt bekommen. Nun wurde der Sportplatz zu einem einwandfreien Spielfeld mit Plätzen für leichtathletische Übungen hergestellt. Hieran arbeiteten alle jungen Leute, ganz gleich welcher politischen Richtung sie angehörten, und so kamen unsere jungen Sportler in der Mehrheit als Arbeiter für diese Unternehmen infrage. Sie haben sich somit das Recht erworben, in freiwilliger Arbeit einen Platz für die Ertüchtigung unserer Sportjugend geschaffen zu haben. Der Aufsichtsführende dieser Maßnahme war Meister August Bock, Audorf, St. Pauli.

Der Turn- u. Sportbetrieb ist von 1933 bis zum Zusammenbruch 1945 unter NSDAP-Tendenz geführt worden.

Nach dem Zusammenbruch, als ich im September 1945 zum Bürgermeister gewählt und durch die englische Militär-Regierung bestätigt worden war, sah ich meine vornehmste Aufgabe darin, der unter dem Hitler-Regime verwhrlosten und vernachlässigten Jugend wieder einen Halt zu geben. Die beste Gelegenheit sah ich darin, den Turn- u. Sportbetrieb wieder aufleben zu lassen. Durch meinen Aufruf fanden sich alte und junge Sportler zusammen und riefen den Verein „Freier Turn- und Sportverein Vineta von 1920“ wieder ins Leben. Heinrich Schlüter wurde als 1.Vorsitzender, Heinrich Kruse als technischer Turnleiter und Hermann Sennhauser als Trainer für die Fußballer gewählt.

Mit Freude habe ich festgestellt, daß an den Turnabenden für Frauen die Heimatvertriebenen genau so vertreten waren wie die Einheimischen. Die Männer entschieden sich zunächst mehr für den Fußball, und hier sind wir ganz besonders den vier Gebrüdern Sennhauser und dem Sportfreund Karl Voßnacke zu Dank verpflichtet. Sie erreichten durch ihre Einsatzfreudigkeit, daß der FTSV „Vineta“-Audorf als die spielstärkste Mannschaft im Kreise geschätzt und sogar zu einem Spiel gegen Holstein-Kiel angesetzt wurde.

Nun möchte ich dem nächsten Vereinsleiter die weitere Führung der Chronik überlassen.

gez. Ludwig Onken